| "Auch mal in den Hintern treten" |
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| Montag, den 19. Juli 2010 um 09:42 Uhr | |
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Michal Grman will einiges bewegen. Foto: Ralf H. Dorweiler BZ-INTERVIEW mit dem Streetworker Michal Grman über seine ersten 100 Tage auf Rheinfeldens Straßen. RHEINFELDEN. Seit drei Monaten ist Michal Grman der erste Streetworker Rheinfeldens. Der 35-jährige ist nach seinem Studium der Sozialarbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg direkt nach Rheinfelden gewechselt, um hier einen bisher nicht existierenden Arbeitsbereich aufzubauen, worauf sich große Hoffnungen stützen. Ralf H. Dorweiler sprach mit Michal Grman über seinen Beruf und die Jugend Rheinfeldens. BZ: Herr Grman, sind Sie nach drei Monaten der Ansicht, dass Rheinfelden einen Streetworker brauchte? Michal Grman: Ehrlich gesagt, einen Streetworker im klassischen Sinne, dessen Arbeitsbereiche eben auch die in einer Stadt sichtbare Obdachlosigkeit oder Sucht- und Drogenproblematik sind, braucht Rheinfelden nicht. Damit sage ich aber nicht, dass meine Stelle nicht gerechtfertigt wäre. Eine mobile Jugendarbeit, die auch Straßensozialarbeit umfasst, kann Rheinfelden sehr wohl gebrauchen. BZ: Was genau machen Sie? Grman: Nach den ersten drei Monaten kann ich nur sagen, dass ich mich als eine Vernetzungsstation zwischen Jugendlichen und den verschiedenen Angeboten begreife, die es in Rheinfelden schon gibt. Um an die Jugendlichen heranzukommen, suche ich sie an ihren Treffpunkten auf der Straße, an öffentlichen Plätzen oder in Tiefgaragen auf. BZ: Wie kommen Sie denn an die Jugendlichen heran? Grman: Ich gehe offen auf sie zu. Bisher habe ich auch durchweg positive Erfahrungen gemacht. Schwierig kann es höchstens sein, ein Thema für ein erstes Gespräch zu finden. Aber manchmal stellt sich auch heraus, dass die eine oder andere Gruppe nur darauf gewartet hat, dass jemand sie anspricht und einzelne sehr auskunftsfreudig sind. Auf jeden Fall geht der Beziehungsaufbau sehr, sehr langsam. Es geht darum, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. BZ: Um dann was zu machen? Grman: Um dann offen für ihre Probleme zu sein und ihnen damit zu helfen oder ihnen die richtigen Stellen für die Hilfe zu vermitteln. Da hat mein Beruf auch Elemente von Gemeinwesenarbeit. Ich habe zum Beispiel Kontakte zum Stadtteiltreff Pfiffikus und zum Beratungscafé, zu den Schulen, zum Nachtsportprogramm, zum Jugendmigrationsdienst, zu den Kirchen, zum Jugendamt, zur Polizei und vielen mehr. Es ist auch wichtig für mich, zu sehen, was Jugendliche so machen und wie ich mich an bestehende Angebote andocken kann. Etwa beim Nachtsport. Da sind 30 bis 40 Jugendliche meiner Klientel zusammen, und ich kann da einige Kontakte knüpfen. BZ: Im Sozialausschuss wurde gesagt, dass Sie bereits mehr als 300 Kontakte aufgebaut haben... Grman: Ja, das stimmt. Aber das heißt nicht, dass es insgesamt 300 verschiedene Jugendliche sind. Das sind eben auch häufig die gleichen Leute. BZ: Wie groß ist denn Ihre Klientel? Grman: Die ist nachwachsend. Eine exakte Zahl kann man da nicht nennen. Es gibt Gruppen, mit denen man mehr zu tun hat und auch mehr machen möchte. Ideen für Projekte haben die Mitarbeiter des Amts für Familie, Jugend, Senioren und Soziales genug, aber man kann sich nicht vierteilen, um alles auch zu realisieren. BZ: Und was für Jugendliche gehören zu Ihrem Klientel? Grman: Die meisten haben einen Migrationshintergrund. Es sind kaum Deutsche darunter. Die Themen, die diese Jugendlichen beschäftigen, sind oft in den Bereichen Kriminalität, Gewalt, Abschiebung zu finden, aber liegen auch im familiären Umfeld, in Beziehungen und Sexualität. BZ: Es handelt sich wahrscheinlich eher um Jungs, oder? Grman: Ja, momentan noch zu 99 Prozent. Eine aufsuchende Arbeit findet normalerweise zu zweit statt. Dann ist immer ein Mann und eine Frau unterwegs. Hier bin ich eben alleine und wohl nicht so der Ansprechpartner für Mädchen. Allerdings haben mich auch schon Mädchen angesprochen. Ich schaue dann, was ich für sie machen kann. BZ: Gibt es nach drei Monaten auch schon etwas Konkretes? Grman: Ich habe jetzt knapp 40 Jugendliche, die ich auf der Straße sicher ansprechen kann. Man kennt mich mittlerweile und redet mit mir über Probleme. Mit einer Gruppe von kurdischen Jugendlichen, knapp zehn Jungs, habe ich ein bisschen rumgesponnen, und irgendwie kam die Idee auf, an einem Marathon in Istanbul teilzunehmen. Das ist so ein typisches Projekt: Es ist langfristig, fördert den Zusammenhalt, aber verlangt auch einiges ab. Wenn zum Schluss fünf Jungs wirklich trainieren würden, wäre die Teilnahme an einem Marathon eine Belohnung und ein Erfolg. Aber die Jugendlichen müssen mithelfen, das zu organisieren und Sponsoren suchen und vor allem trainieren. Meine Aufgabe ist es dann, ihnen immer wieder Impulse zu geben, ihnen auch mal in den Hintern zu treten und Ressourcen zu aktivieren, die schon da sind. BZ: Eine letzte Frage: Was sagen die Jugendlichen, wenn plötzlich ein Streetworker vor ihnen steht und mit ihnen reden will? Grman: Manche wollen auch einfach in Ruhe gelassen werden. Ich bin ja nicht nur Ansprechperson, sondern auch Störfaktor in so einer Gruppe. Wichtig werde ich nur, wenn es akute Probleme gibt. Manche sagen auch ganz klar zu mir, dass Rumlaufen doch nichts bringe. Man muss ein Angebot haben. Aber zuerst muss ich jetzt einmal herausfinden, welche Angebote für die einzelnen Gruppen nötig sind. Wichtig ist es aber, dass die Jugendlichen wissen: Wenn sie ein Problem haben, können sie zu mir kommen. Quelle: Badische Zeitung |
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